Die Hauptschreiber der Seckauer Handschriften

Vorläufige Fassung November 2005

Dieser Text wird mit der Implementierung

der paläographischen Beschreibungen

nachgeführt werden

Übersichtstabelle der romanischen Seckauischen Handschriften

In den Seckauer romanischen Handschriften findet sich eine ganze Reihe von Schreibernamen. Das bedeutet aber nicht, dass diese Personen auch dem Chorherrenstift und dem Skriptorium angehört haben. Unter den Namen der Chorherren, die um 1180 im Verbrüderungsbuch als lebend bezeichnet werden, findet sich kein einziger – mit einer Ausnahme - der bekannten Schreibernamen. Auch der Name Bernhards fehlt, der zentralen Figur im Skriptorium. Er ist unter den Angehörigen des Vorauer Stiftes verzeichnet, als Propst. Das würde eine Anlage des Verbrüderungsbuches nach 1185 nahe legen, nachdem Bernhard Seckau verlassen hatte.

Bernhard.

Wir kennen Bernhard als Seckauischen Schreiber durch zahlreiche Einträge von Schreibernamen, Besitzvermerken und Bücherflüchen, und durch Kollationsvermerke; bei zwei Einträgen in den Handschriften 820 und 835 gibt er sich mit seinem Namen auch als Hauptschreiber zu erkennen. Auffällig an diesen Einträgen ist, dass sie einen völlig anderen Schriftduktus zeigen, als die Texte der beiden Manuskripte, die in einer wenig stilisierten Notula geschrieben sind. Auch zeigen beide Kodizes eine uneinheitliche Schrift, so dass schon Wonisch es für möglich hielt, dass mehrere Hände beteiligt wären. Von Wonisch stammt auch die hypothetische Gleichstellung zwischen dem Traungauischen Urkundenschreiber SA, der in einer unechten Urkunde als Bernhardus notarius bezeichnet wird. Obwohl Wonisch selbst diese Gleichsetzung als noch zu belegende Hypothese darstellte, wurde sie von Pius Fank und anderen ohne weitere Argumentation als gesicherte Tatsache verwendet.

Außer Streit ist hingegen, dass Bernhard der Schreiber der Besitz- und Schreibervermerke in Seckauischen Handschriften, und der typischen Lagenvermerke, die offenbar für den Buchbinder bestimmt waren. In vielen Kodizes ist er als Emendator (sowohl mit der Eintragsschrift als auch der Notula) nachweisbar. Seine Rolle im Seckauer Skriptorium scheint die des Planers und Korrektors gewesen zu sein, und weniger die eines Hauptschreibers.

Dennoch lassen sich einige Texte mit dem Schreiber Bernhard verbinden, z. B. Handschrift 167, die Makulaturen in Ms. 181, die Blätter 59-70 in Ms. 764. Die Schrift von Ms. 167 ist identisch mit jener der beiden Salzburger Kodizes aus dem Domstift 1420 und 1488; die nun in Wien an der Österreichischen Nationalbibliothek liegen. Den drei Handschriften gemeinsam ist das Majuskel-M mit einer Mittelcauda; die Verbindung zwischen Bernhards Notula und der Schrift der drei Kodizes ist das markante und gut wiedererkennbare Majuskel-E, dessen Querbalken einem steilen Winkel noch oben weist.

Als Haupt-. Ergänzungs-, Rubrikenschreiber und Emendator ist Bernhard in folgenden Handschriften präsent:

Ms.

Vermerke

Hauptschreiber

Ergänzungsschreiber

Rubriken

Korrekturen

65

Lagenvermerk

88

Lagenvermerk

132r: 9 Zeilen (nicht auf Rasur)

189

Besitz-, Lagenvermerk

183v 2 Zeilen am unteren Rand

237

Besitz-, Lagenvermerk

282

62r-62v, 63v-73v, 116r-119v, 19. Z.

351

Besitz-, Lagenvermerk

383

Besitz-, Lagenvermerk

384a

Besitz-, Schreiber- und Lagenvermerk

397-1

Lagenvermerk

408

Lagenvermerk

689

Lagenvermerk

Schreiberverse?

735

Besitz- Lagenvermerk

737

Besitz- Schreiber- und Lagenvermerk

Blatt 3 und 10

750

Lagenvermerk

760

Besitz- Schreiber- und Lagenvermerk

764

Hauptschreiber 59-70

768

Besitz- Schreiber- und Lagenvermerk

Rubriken?

Korrekturen?

784

?

?

811

Lagenvermerk

820

Besitz- Schreiber- und Lagenvermerk

Hauptschreiber

835

Besitz- Schreiber- und Lagenvermerk

Hauptschreiber

1119

gedenche min . . .

1244

2. Hauptschreiber?

1287

Besitz- Schreiber- und Lagenvermerk

180-181

Der Seckauer Schreiber (und wohl Leiter des Skriptoriums) Bernhard kann mit dem späteren Propst Bernhard in Vorau gleichgesetzt werden. Die typischen Bernhardischen Einträge und Korrekturen finden sich auch in den Vorauer Handschriften. Damit kann das Ende der Tätigkeit Bernhards im Seckauer Skriptorium mit 1185 festgelegt werden – alle Seckauer Handschriften, an denen er mitgewirkt hat, können somit auf die Zeit vor 1185 datiert werden. Allerdings scheinen in mindestens zwei Fällen spätere Schreiber seine typischen Einträge imitiert zu haben, nämlich in Ms. 417 und Ms. 136.

Das Handschriftenpaar 65 und 68 wurde von Pius Fank Bernhard zugeschrieben, wohl wegen der eingeschobenen Überschriften in Urkundenschrift. Die Schrift in diesen beiden Kodizes ähnelt stark der Schrift Walters, kann aber dennoch sicher von ihm getrennt werden. Eine Brücke im Formenschatz dieser Schrift zu den gesicherten Schriften Bernhards kann nicht geschlagen werden.

Ob Bernhard mit dem Schreiber der „Enarrationes“ (Ms. 698, Ms. 171, Ms. 282, Ms. 793, Vorau 346) gleichzusetzen ist, kann derzeit nicht sicher bewiesen werden.

Das gleiche gilt für den Schreiber mit dem Rüssel-N (Ms. 88, 171, 864).

Stilistisch sind die Schriften Walters (und die mit diesem gleichzeitig auftretenden Schreiber Pipinus und Francho) der Bernhards nahe verwandt.

Walter.

Den Namen dieses Schreibers erfahren wir durch die Einträge Bernhards: in Ms. 384a und 768. In ersterer wirkt er zusammen mit Pipinus, in der zweiten zusammen mit Francho. Die Einträge Bernhards haben möglicherweise damit zu tun, dass es sich um Schreiber handelt, die zwar für Seckau schrieben, aber nicht dem Kloster angehörten. Walter lässt sich als Schreiber in weiteren Handschriften ohne Namensnennung als Hauptschreiber nachweisen

189

Ps.- Dionysius Areopagita, Opera a Johanne Scoto in latinum translata

384a

Augustinus, De civitate dei I-XIII (zusammen mit Pipinus)

397a

Augustinus, Tractatus in evangelium secundum Johannem

397b

Augustinus, Tractatus in evangelium secundum Johannem

398

Augustinus, De civitate dei libri XIV-XXII

750

Augustinus, Confessionum libri XIII. Augustinus, De sancta virginitate. Augustinus, De bono viduitatis. Augustinus, Enchiridion. (zusammen mit der „Gedrängten Hand“)

768

Honorius Augustodunensis, Gemma animae (zusammen mit Francho)

Dazu kommt noch eine Makulatur in Ms. 698: Augustinus: De civitate dei.

Die meisten Augustinus-Texte gehen also auf diesen Schreiber zurück, die zweifellos so etwas wie die Grundausstattung eines Augustiner-Chorherrenstiftes bildeten.

In allen Handschriften Walters ist auch Bernhard durch Besitz-, Schreiber- oder Lagenvermerke präsent, mit Ausnahme in Ms. 398. Diese Handschrift ist der zweite Band zu Ms. 384a; auch in Ms. 397b, ebenfalls ein zweiter Band, fehlen Bernhard Einträge.

Pipinus

Wir kennen den Schreiber wiederum durch Bernhards Schreibervermerke. In 384a (zusammen mit Walter) und in 760 wird er genannt. Im Seckauischen Verbrüderungsbuch gibt es keinen Pipinus. Auch lassen sich keine weiteren Handschriften diesem Schreiber zuweisen. Es handelt sich also vermutlich um einen auswärtigen Schreiber. Auffallend ist auch die Formulierung Bernhards Hunc Pipinus frater congregationis huius scripsit, diese besondere Hervorhebung der Zugehörigkeit Pipins zu den Augustiner Chorherren, die Bernhard sonst nicht für notwendig erachtete.

Francho

Dieser Schreiber ist nur einmal belegt, nämlich in Ms. 768. Auch sein Name scheint im Verbrüderungsbuch nicht auf.

Isidor“.

Dieser Seckauer Schreiber, welcher des besseren Überblicks wegen den Notnamen „Isidor“, nach einem Fragment des gleichnamigen Autors erhalten hat, ist zweifellos der produktivste Arbeiter des Seckauer Skriptoriums. In acht Handschriften tritt er uns als alleiniger Hauptschreiber entgegen, in Ms. 88 und in Ms. 770 als Ergänzungsschreiber. In zwei makulierten Handschriften (Isidorfragmente und Psalterfragment) ist er ebenfalls präsent. Auffallend ist an den Handschriften, in denen er als Hauptschreiber wirkte, dass sie keine Besitz-, Schreiber- oder Lagenvermerke von der Hand Bernhards tragen. Auch weisen sie kaum Fremdkorrekturen auf, nur gelegentlich Eigenkorrekturen.

Die Schrift Isidors ist leicht erkennbar: die markanten Majuskeln A, H, Q und S sind immer vorhanden, ebenso das kleine g mit der walzenförmigen Schlinge. Die Majuskeln zeigen kaum Varianten. Diese sehr individuelle Schrift hat keine stilistisch ähnlichen Gegenstücke.

Die Handschrift 88 ermöglicht eine zeitliche Fixierung: die Lagenvermerke Bernhards auf f. 2r und 207v erlauben eine Datierung aller in der Handschrift präsenten Schreiber auf die Zeit vor 1185: die von Isidor ergänzten Seiten von 5v-6v belegen die Gleichzeitigkeit mit dem Hauptschreiber der Handschrift, und auch die Gleichzeitigkeit mit Bernhard, der neun Zeilen auf fol. 132r schrieb. In Ms. 770 tritt Isidor mit einem noch nicht näher bestimmbaren Hauptschreiber auf. Dieser wurde von P. Wind als Schreiber der beigebunden Blätter 230 ff. der Vorauer Handschrift 346 postuliert. Wenn man dieser Gleichsetzung folgt, wäre der Erste Hauptschreiber der Ms. 770 der „Schreiber der Enarrationes“.

Zeitliche Anhaltspunkte liefert auch die Handschrift 208, ein Direktorium, das von Isidor vor dem Wirksamwerden des Salzburger Liber ordinarius (1191-98) geschrieben wurde; von einer kleinen Notula-Hand wurden die Veränderungen nachgetragen. Die Handschrift 778, ebenfalls von Isidor geschrieben, weist aber bereits die neue Norm auf. Somit kann eine Tätigkeit des Schreibers Isidor in den Zeitraum „vor 1185“ bis gegen Ende des 12. Jahrhunderts anzunehmen. Er ist also der Hauptschreiber der nachbernhardischen Zeit.

88

5v-6v: Ergänzungsschreiber: Isidor. Zusammen mit dem Schreiber mit dem Rüssel-N, dem Schreiber von Ms. 83 und 88, und Bernhard

Lectiones et homiliae ss. Patrum in matutinis de tempore. Pars aestiva

187

Fragm. IX.Jh.

Sakramentar

Ambrosius, Exameron. Ambrosius, De paradiso. Ambrosius, De Cain et Abel. Recapitulationes de Pentateucho et de libro Jesu Nave

208

Directorium liturgicum Salisburgense

242

Timotheus von Alexandrien: Historia monachorum a Rufino translata

280

Besitzvermerk: Kleine Hand XIII/2

Augustinus, Enarrationes in psalmos 119-133

435

Besitzvermerk: Kleine Hand XIII/2

Liber testimoniorum veteris testamenti quem Paterius de opusculis s. Gregorii pape urbis Rome cum summo studio excerpere curavit . .

755

Hieronymus, Epistolae

770

Zweiter Hauptschreiber: Isidor

Fank: Erster Hauptschreiber = Bernhard. - Wind: Erster Haupt-schreiber ähnlich dem 2. Haupt-schreiber in Vorau 346 (= Schreiber der Enarrationes)

Breviarium monialium Seccoviensium.

778

Fragm. IX.

Sakramentar

Breviarium monialium Seccoviensium

Dazu kommen noch die Makulaturen:

  • Etymologien-Handschrift: Fragmente in Ms. 68 und 392, 1703/325 und LT 408 (6 Streifchen)
  • Makulatur einer Psalter-Handschrift in Ms. 279

Engelbert

Der Schreiber Engelbert wird in Bernhards Eintrag in Ms. 1287 f. 18r erwähnt, ist also vor 1185 tätig; bemerkenswert ist auch die sonst unübliche Formulierung, wonach die Handschrift in Seckau geschrieben wurde. Bernhards Lagenformel bezieht sich nur auf den zweiten Teil der Handschrift 119r-180r. Der erste Teil (Schreiber: „Elegante Hand“) dieser zusammengesetzten Handschrift dürfte jünger sei. Die Folien 180-181v sind von Bernhard ergänzt. Der Schreiber Engelbert ist sonst nicht nachweisbar. Unter den im Seckauischen Verbrüderungsbuch als lebend genannten Chorherren (nach 1185) ist kein Engelbert zu finden.

Johannes

Bei Johannes handelt es sich auch um einen Zeitgenossen zu Bernhard, was nicht nur aus dem Schreibervermerk in Ms. 737 hervorgeht, sondern auch an den beiden von Bernhard ergänzten Blättern 3 und 10 abgelesen werden kann. Bernhard verwendet für diese Ergänzungsblätter seine kleine Notula-Schrift.

„Schreiber der Enarrationes“

Die umfangreiche Handschrift 698, die den ersten Band der Enarrationes des Hl. Augustinus bietet, ist von einem sehr professionellen und gleichmäßigen Schreiber angelegt (vgl. die Ausführungen zu Ms. 408). Auffallend sind die Schreiberverse, die offensichtlich von Bernhards Hand stammen, und das Schreiberlob von späterer Hand, in dem ausdrücklich auch der Emendator in das Lob einbezogen wird. Die als hinteres Vorsatzblatt eingeklebte Makulatur stammt von der Hand Walters.

Die Hand des Schreibers der Enarrationes lässt sich noch in den Handschriften 171, 282 und 793 nachweisen. Ob er auch Erster Hauptschreiber der Ms. 770 in Frage kommt, ist nicht gesichert – gewisse Ähnlichkeiten sind gegeben. Allerdings ist bei den kalligraphischen, monumentalen Schriften nur schwer ein individueller Duktus nachweisbar. P. Wind hat diesen Ersten Hauptschreiber der Ms. 770 mit dem Schreiber des beigebundenen (?) Anhangs des Vorauer Evangeliars (Ms. 346, fol. 230 ff.) gleichgesetzt. Dieser Anhang ist zweifellos von der Hand des Schreibers der Enarrationes geschrieben, Wind hat aber keine Verbindung zu den Grazer Handschriften 698, 171, 282 und 793 hergestellt.