1703

Die Bearbeitung der Grazer Handschriftenfragmente

Anton Kern hat im Zuge der Handschriftenkatalogisierung schon eine größere Zahl während des 19. Jahrhunderts abgelöster Handschriftenfragmente vorgefunden, die er in den 40er und 50er Jahren  recht summarisch unter der Sammelsignatur 1703 beschrieb. 
Er verzeichnete 195 Nummern, wovon 1-147 Fragmente aus Kodizes, 148-189 Urkundenfragmente sind, die Nummern 190-195 reservierte er für 17 Blatt hebräischer Fragmente. Kern war nicht besonders konsequent, was die Zählung der Fragmentstücke angeht, so dass wesentlich mehr als 200 Fragmente sich unter diesen 195 Nummern verstecken. Er verzeichnete in der Regel auch nicht, von welchem Buch das Fragment abgelöst worden war, so dass die Provenienz in vielen Fällen im Dunkeln bleiben muss – zu seiner Entschuldigung sei angeführt, dass viele der Fragmente schon während des 19. Jahrhunderts abgelöst worden waren, zum Teil von neugierigen Germanisten, wie etwa dem berühmten Anton Schönbach.
Die Texte identifizierte Kern nur teilweise, die Bearbeitungssituation war zu seiner Zeit auch wesentlich weniger komfortabler als heute; er ordnete die Fragmente nach einer groben Systematik: Zuerst  Bibeltexte, dann Bibelkommentare, Liturgika, dann Kirchen und Zivilrecht, dann Theologisches bunt gemischt, schließlich deutsche Texte, römische Klassiker, Medizin, Alchemie etc.
Daneben verzeichnete Kern natürlich auch alle Handschriftenfragmente oder doch die meisten, die sich noch in situ als Einbanddecken oder Vorsatzblätter in Handschriften fanden. Maria Mairold hat diese Fragmente im Registerband aufgelistet – es sind an die 400 Objekte. Sie ergänzte auch für viele der abgelösten Fragmente die Provenienzangaben, wenn sie dieser habhaft werden konnte.

So war die Situation, wie ich sie in den siebziger Jahren vorfand; seitdem sind viele weitere Fragmente im Zuge von Reparaturen und Restaurierungen an das Tageslicht gekommen. Man kann grob schätzen, dass im Schnitt in einem historischen Einband des Spätmittelalters oder der frühen Neuzeit drei verschiedenen Fragmente/Fragmentgruppen aufzufinden sind. Besonders zeichnen sich dabei die Einbände mit Pappdeckeln und Pergamentdecken aus. Da die Hauptmasse der Einbände aber noch immer intakt ist, existieren wahrscheinlich noch viele Tausend Fragmente unentdeckt in unseren Büchern. Eine erste Zählung der seit Kern abgelösten Fragmente ergab 406 Mappen, in denen sich in der Regel mehrere Fragmente befinden. Dazu kommen noch die Boxen mit abgelösten ganzen Einbänden oder Einbanddeckeln, die bei einer großen Sparbindungsaktion im 19. Jahrhundert abgelöst wurden – und glücklicherweise nicht weggeworfen wurden. 

Von Kern und Mairold blieben allerdings alle Handschriftenfragmente unberücksichtigt, die sich an Druckschriften noch in situ befinden. Gerade die eben zu Ende gegangene Inkunabelkatalogisierung brachte wieder eine Reihe bisher nicht beachteter Fragmente ans Tageslicht. 

Fragmente sind meist Einzelschicksale, dass heisst für gewöhnlich gibt es keine weiteren Blätter der spoliieren Handschrift im eigenen Bestand. Aber man muss wohl dennoch davon ausgehen, dass zum Zeitpunkt der Verarbeitung noch ganze Sequenzen vorhanden waren. Vielleicht ist durch die nunmehr zugängliche Abbildung eine Zusammenführung mit den Fragment-Beständen anderer Bibliotheken möglich. Die Universitätsbibliothek Salzburg bietet bereits eine größere Zahl von Fragment-Abbildungen im Netz an: http://www.ubs.sbg.ac.at/sosa/Fragmente/handschriftenfragmente.htm

Die Urkundenfragmente werden derzeit von Ute Bergner und Hannes Giessauf bearbeitet und werden demnächst auch in elektronischer Form zugänglich sein.

Man weiß nicht genau, wie viele der mittelalterlichen Handschriften verlorengegangen sind, doch sind sich alle Fachleute darin einig, dass nur mehr ein kleiner Bruchteil des ehemaligen Bestandes in unseren Sammlungen vorhanden ist. Fragmentforschung ermöglicht es uns, eine virtuelle Bibliothek der verschollenen Handschriften aufzubauen.

Hans Zotter, Juni 2002


Handschriften der UB-Graz/Manuscripts in the University Library of Graz

Katalog bearbeitet von Hans Zotter