Die Bibliothek des Johannes Maior aus Augsburg (+1615)

von Hans Zotter

Unter den historischen Beständen der Universitätsbibliothek Graz finden sich auch zahlreiche Gelehrtenbibliotheken, Zeugnisse der Verbundenheit dieser Wissenschaftler mit der Universität aber auch Ergebnis gezielter Sammeltätigkeit. So hat der bedeutende Mathematiker und Astronom Paul Guldin nicht nur seine eigene Bibliothek der damals noch jungen Universitätsbibliothek hinterlassen, er hat sich offenbar auch um Buchbestände anderer zeitgenössischer Gelehrter gekümmert, so kamen die Bücher aus dem Besitz Keplers und Jost Bürgis über ihn nach Graz. Ob das auch für die im Folgenden beschriebene Bibliothek zutrifft, muss vorderhand noch offenbleiben.

Über 60 Titel aus dem Bestand der Universitätsbibliothek lassen sich auf den Augsburger Mathematiklehrer Johannes Mayr (Maior) zurückführen. Die Bände tragen entweder das markante Supralibros I.M.A. (Ioannes Maior Augustanus) verbunden mit einer Jahreszahl oder den handschriftlichen Eintrag Johannes Maior auf dem Vorsatz oder auf dem Titelblatt.

Biographische Daten zu Maior sind spärlich, er ist in der Wittenberger Matrikel am 11. Juni 1555 als „Augustanus“ eingetragen, 1560 ist er als Magister und Lehrer an dem Augsburger Gymnasium St. Anna nachweisbar. Als 1568/69 der dänische Astronom Brahe sich in Augsburg aufhielt, schloss der damals gerade 22 Jahre alte Tycho mit etlichen Augsburger Intellektuellen länger dauernde Freundschaften, so mit dem Philologien Hieronymus Wolf, den Brüdern Johannes Baptist und Paulus Hainzl, aber auch mit dem jungen Lehrer Johannes Maior.

Die bahnbrechende Idee Brahes, die Meßgenauigkeit astronomischer Beobachtungen durch Vergrößerung der Geräte zu steigern, wurde in der Folge durch den Bau eines 5 Meter hohen Quadranten im Garten der Brüder Hainzl umgesetzt. Maior blieb auch nach dem Weggang Brahes von Augsburg mit diesem in Kontakt, wie wir aus der persönlichen Widmung Brahes in seiner Publikation zur Supernova von 1572 ablesen können, wie auch aus erhaltenen Briefen aus dem Jahr 1584. 1605 stellt Maior zusammen mit dem Lehrer D. Henisch an das Augsburgische Baumeisteramt den Antrag, einen Turm zur besseren astronomischen Beobachtung von Kometen und anderen Sternen an die Bibliothek anzubauen, was in der Folge auch geschah. 1615 soll Maier gestorben sein.

Die biographische Recherche wird durch den Umstand, dass Johannes Maier nicht gerade ein seltener Name ist, deutlich erschwert. Mindestens ein annähernd gleichzeitigen Namensvetter, Johann Maior (eigentlich Groß, 1564-1654), Theologe in Wittenberg, ist zu erwähnen; ein weiterer Johannes Maior, der aus Joachimsthal stammt, verfasste unter

anderem 1560 eine Schrift auf den Tod Melanchthons . Unser Johannes Maior nennt sich konsequent „Augustanus“.

Die Erscheinungsjahre der Bücher Maiors sind zeitlich zwischen 1521 und 1593 gestreut. Die jüngsten drei Bücher, alle 1593 erschienen, ließ er 1596 zu einem Band zusammenbinden. Das älteste Stück sind die Werke des lateinischen Kirchenvater Lactantius in einer venezianischen Ausgabe von 1521. Maior hat bei vielen seiner Erwerbungen den Preis, den Zeitpunkt und manchmal auch den Ort des Kaufs auf der letzten Seite handschriftlich festgehalten; leider aber nicht bei besagter Lactanz-Ausgabe, da begnügte er sich mit dem Hinweis, dass er 4 Kreuzer dafür gezahlt habe.

Diese Kaufeinträge finden rund 14-mal, die Kosten für die Bindung werden 4 mal erwähnt. Die Schweinslederbände lassen sich dem Augsburger Buchbinder F. Ziegler zuweisen (die Rollen sind signiert). Nur einer der Einbände zeigt braunes Leder (alle anderen sind entweder Pergamentcoperten oder weiße Schweinslederbände); die Notiz Maiors auf der letzten Seite bringt die Aufklärung: Emptus rudis k 40, den bund hat mir Ziegler zum neuen Jar geschenkt.

Die Bibliothek Maiors lässt einige Interessenschwerpunkte erkennen; so zum Beispiel griechische Werke in griechischer Schrift – daraus kann man wohl ableiten dass Major des Griechischen mächtig war. So findet sich Arrians Handbüchlein zu Epiktets philosophischen Lehren und eine Anthologie griechischer Lyriker. Dazu gesellen sich Bücher über die Philosophie Platos und des Aristoteles. Schließlich interessierte sich Maior auch für Geschichtswerke und staatsrechtliche Schriften zu den italienischen Kommunen. Das eben erwähnte braune Lederbändchen enthält Francisco Sánchez de las Brozas Kommentare zu Alciatis Emblemeta.

Die meisten Bücher Maiors befassen sich mit mathematischen und astronomischen Themen. Die arithmetischen Bücher passen zu seiner Lehrtätigkeit; unter den astronomischen Büchern befassen sich etwa 10 mit dem Kometen von 1577, darunter auch ein Büchlein von seinem Augsburger Kollegen Henisch. Mit diesem besonders hellen Kometen, der auch

tagsüber am Himmel sichtbar war, befasste sich auch Tycho Brahe – diese Schrift schickte er aber nicht nach Augsburg.

Das Schmuckstück unter Majors astronomischen Büchern ist natürlich die Schrift, mit der Brahe berühmt wurde: die Abhandlung über die Supernova von 1572. Mit einer schmeichelhaften handschriftlichen Widmung „Doctissimo et humanissimo viro Magistro Johannj Maiorj Augustano dono dedit Tycho Brahe“ schickte Brahe das Buch 1573 nach Augsburg. Auch die Grazer jesuitischen Fachleute schätzten die Publikation hoch ein, wie ein späterer handschriftlicher Vermerk in Bezug auf die Stella nova auf dem Titelblatt zeigt: „Quae duravit et conspecta est ultra annuum temporis in uno eademque firmamenti loco immota, ideoque in ipsa octava sphaera cum reliquis affixis sideribus locum sibi vendicabat. (Tych. Br. Lib. Ii. P. 250)”.

Eine weitere interessante Notiz findet sich an der Stelle, an der Brahe darauf hinweist, dass das Phänomen einer Stella nova noch nie aufgetreten sei, abgesehen von einem Male, als Hipparchos um 135 v. Chr. eine solche gesehen habe. Der unbekannte Schreiber der Marginale (nicht identisch mit den späteren jesuitischen Händen) weist ebenfalls auf eine Stelle im Tetrabiblon des Ptolemäus hin, wo der arabischen Astronom Ali ibn Ridwan (ca. 988 – ca. 1061) zitiert wird, der als junger Mann einen neuen, hell leuchtenden Stern gesehen habe. Es handelt sich dabei um eine Sichtung der Supernova von 1006, die nur in südlichen Ländern sichtbar war, und deshalb den mitteleuropäischen Astronomen entging:

Hali, super 2 quadrip. Ptol. C. 9, describit stellam insolitam, testaturque ipsam vidisse cum multis sapientibus viris, cum adhuc esset iuvenis et enituisse in 15. (Symbol für Skorpion) cum (Symbol für sol Sonne) esset in opposito , id est 15. (Symbol für Taurus) fuisse figurae rotundae et magnitudinem aequasse Veneris, semper inquit, apparebat haerebatque in eodem signo, nisi quod firmamenti motu circumagebatur neque prius extincta est quam pervenisset ad sextilem illius id est in .

Hali, super 2 quadrip. Ptol. C. 9, describit stellam insolitam, testaturque ipsam vidisse cum multis sapientibus viris, cum adhuc esset iuvenis et enituisse in 15. (Symbol für Skorpion) cum (Symbol für sol Sonne) esset in opposito , id est 15. (Symbol für Taurus) fuisse figurae rotundae et magnitudinem aequasse Veneris, semper inquit, apparebat haerebatque in eodem signo, nisi quod firmamenti motu circumagebatur neque prius extincta est quam pervenisset ad sextilem illius id est in .

[Seite mit Sig. D 3]

(Hali, im 2. Buch des Tetrabiblon des Ptolemäus, cap. 9, beschreibt einen einzigartigen Stern und er versichert, dass er ihn zusammen mit vielen klugen Männern gesehen habe, als er noch ein junger Mann war, und dass dieser hervorgeleuchtet habe 15° im Sternbild Skorpion., als die Sonne in Opposition war, d.h. 15° im Stier. Er soll von runder Gestalt gewesen sein und von der Größe her wie die Venus. Immer, sagt er, erschien er und verblieb

im gleichen Zeichen, abgesehen davon, dass er durch die Himmelsbewegung sich im Kreis bewegte und nicht eher erlosch er, bis die Sonne das Sextil dazu erreichte, d. h. im Zeichen des Skorpions stand.)

Tatsächlich lassen sich in den venezianischen Ptolemaeus-Ausgaben des Scotus (1493 und 1519) die Kommentare des arabischen Astronomen nachweisen, und auch der Bericht der Sichtung der Supernova von 1006 lässt dich finden. Allerdings wird neuerdings die Autorenschaft Ali ibn-Ridwans angezweifelt, der eigentliche Verfasser des Ptolemaeus-Kommentars soll Ahmad Ibn Yusuf ibn Ibrahim ibn Al-Daya al Misri (+ 912). Dessen Schriften wurden schon während des 12. Jahrhunderts von den berühmten Übersetzern Gerard von Cremona und Plato Tiburtinus ins Lateinische übersetzt und bei dieser Gelegenheit sollen sie dem Ali ibn-Ridwan zugeschrieben worden sein. Allerdings hätte ibn Al-Daya kaum die Supernova von 1006 beobachten können, da er bereits ein Jahrhundert zuvor verstorben war.

Die Stelle lautet: Ego autem volo narrare tibi de uno singolare quod vidi quando incipiebam addiscere apparuit enim tale singolare in signo scorpionis et in opposition solis exeunte sole in ipsa hora 15 gra. tauri et erat stella ipsa alanzadera in 15 gra. scorpionis et erat multum magne figure rotunde poterat esse magna ter tantum ut venus et de ipsius claritate tota orizonta lucebat quam lux poterat esse tanta ut 4° pars lune vel parum pl. et super mouendo apparebat se in illo signo cum motu firmament donec se posuit in eius sextili de signo virginis: et tunc destructa fuerit: hoc totum ego vidi: et multi allii sapientes…

Die Ptolemaeus-Ausgabe von 1519 befand sich im Besitz der Grazer Jesuiten und ist noch heute vorhanden. Deswegen ist es durchaus möglich, dass diese Randnotiz erst in Graz hinzukam.

Während die Supernova von 1572 Tycho Brahes Stern war, sollte die Supernova von 1604– die letzte galaktische seither - „Keplers Stern“ werden.

TychosStern. Überreste der Supernova 1572

Wann Maiors Bücher nach Graz kamen, lässt sich nur grob eingrenzen: nach 1596 - vor 1629. Im Jahre 1629 legten die Grazer Jesuiten einen neuen Katalog an; bei dieser Gelegenheit erfolgte auf den Titelblättern der Bücher ein diesbezüglicher Hinweis; dass die Bücher Majors zuvor alle zugleich kamen, lässt sich aus dem gleichförmigen, leider undatierten Eintrag des jesuitischen Bibliothekars ablesen (Collegij Societatis Jesu Graecij. Catalogo inscriptus). Bei dieser Gelegenheit wurde auch die Notation der systematischen Aufstellung eingetragen (in der Regel ein Großbuchstabe und ein Zahl). Irgendwann später, wohl nach dem stetigen Anwachsen der Bestände, wurde eine neue systematische Aufstellung in Angriff genommen, und die alten Notationen ausgestrichen, und durch neue ersetzt (Buchstabe, Fachgruppe, laufende Zahl). Vermutlich geschah das vor 1674/75, als man die mathematisch-astronomischen Bestände herauszog und eine eigene Bibliotheca mathematica aufbaute. Sie war im sogenannten mathematischen Turm der alten Universität aufgestellt, verblieb dort aber wohl nur kurze Zeit, und wurde dann wieder in die übrige Bibliothek eingegliedert.

So gelangte Majors Bibliothek wieder, wenn auch nur vorübergehend wieder in einen astronomischen Turm – denn der Grazer Turm wurde wieder abgerissen. Die Spuren dieser mathematischen Spezialbibliothek finden sich heute nur noch auf Titelblättern (Bibliothecae mathematicae adscriptus ; gefolgt von einer laufenden Nummer). 1692 jedenfalls, wurde wieder ein neuer Gesamtkatalog fällig, und auch diesmal wurde das auf den Titelblättern vermerkt. Ob die jüngeren systematischen Notationen erst zu diesem Zeitpunkt erfolgten, kann derzeit nicht mit Sicherheit behauptet werden

Der astronomische Anteil der Bibliothek des Johannes Maior aus Augsburg fand sicher das Interesse Paul Guldins (+1642); die übrigen Titel Tycho Brahes im Bestand der Jesuitenbibliothek finden sich alle in der Guldin-Bibliothek. Sämtliche vorhandenen Ausgaben sind erst nach dem Tod des Autors Brahe (+1601) erschienen. Hier ist die Vermittlung durch Kepler als wahrscheinlich anzunehmen, der ja 1625 Brahes letzte Publikation „Hyperaspistes“ posthum herausbrachte.

Literatur

eil, Inge:

Augustanus opticus. Johann Wiesel (1583 - 1662) und 200 Jahre optisches Handwerk in Augsburg. Berlin : Akad.-Verl. : 2000 : 549 S. : Ill., Kt. Seiten 27, 34

Keil, Inge ; Zäh, Helmut:

Tycho Brahe (1546-1601) und seine Beziehungen zu Augsburg, Seite 185/186. In: Beiträge zur Astronomiegeschichte. Hrsg. von Wolfgang R. Dick , Jürgen Hamel und Hilmar W. Duerbeck. Bd. 7

Zotter, Hans: Die Bibliothek des Paul Guldin

  • Verzeichnis der Bibliothek Johannes Maior (pdf)


 
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