Die Hollstein / Herberstein Bibliothek

von Hans Zotter

Verstreut in den historischen Beständen der Universitätsbibliothek Graz finden sich Bücher einer Adelsbibliothek, die widerspruchsfrei keinem bestimmten Besitzer zugewiesen werden kann, und deswegen intern lange nur die „Unbekannte Bibliothek“ geführt wurde. Das gruppenbildende Merkmal sind die penibel auf den Rücken geschriebenen gleichförmigen Signaturen und Titel. Ein sorgfältiger Bibliothekar schrieb am oberen Ende des Rückens mit klaren Antiquabuchstaben jeweils einen Großbuchstaben und eine laufendes Zahl, danach den Verfasser und den Titel. Rund 338 Titel tragen diese markante Bibliothekssignatur. Auf den Titelblättern dieser Bücher erscheinen häufig, aber keineswegs immer, zwei Vorbesitzer mit schöner Regelmäßigkeit: Johann Friedrich von Hollstein und Johann Ferdinand von Herberstein. Andere Vorbesitzer findet man hingegen nur sehr selten.

Natürlich sind historische Rückensignaturen immer stark gefährdet, besonders am Rückenkopf, weswegen die Zahl der Bücher, die zu dieser unbekannten Bibliothek gehören, sicher höher zu veranschlagen ist – wenn man etwa alle Titel dazunimmt, die den Namen Herberstein oder Hollstein aufweisen, kommt man auf 429 Stücke. Viele Rücken sind beschädigt, etliches im 19. Jahrhundert neu gebunden (die sogenannten ärarischen Einbände), die Signaturen gingen dabei meist verloren, wenn nicht ausnahmsweise die originale Einbanddecke aufbewahrt wurde. Einmal wurde – bei einem der seltenen Lederbände, die Signatur auf dem Vorsatz eingetragen. Die allermeisten Stücke sind aber in einfaches, schmuckloses Pergament gebunden. 115 Bücher tragen den handschriftlichen Vermerk Hollstein, 76 den kritzeligen Besitzeintrag Herbersteins. Von beiden gibt es ein Exlibris, die aber nur gelegentlich verwendet wurden.

Über die Person Hollstein ist so gut wie nichts bekannt, abgesehen von dem, was er selbst in seinen Büchern von sich preisgibt. Seine Bücher stammen aus den Jahren 1518 – 1705; man könnte also vermuten, dass er nach 1705 verstorben ist. In einem Buch findet sich folgender Eintrag: Hanß Friderich von Hollstein Ingenieur u. Stadtmajor in Peiz den 20. Febr. Ao. 1690.

Peitz ist ein kleines Kreisstädtchen in Brandenburg, wie auch die anderen, in den Anmerkungen genannten Orte, Spandau und Cottbus. Nach einem weiteren Eintrag kaufte er 1692 ein Buch in Wien – bisher die einzige sichtbare Verbindung mit Österreich. In seinen Büchern finden sich auch Einträge eines Jacob von Hollstein, die zwischen 1630 und 1633 liegen, vielleicht sein Vater. Ein Kaufeintrag 1632, Brüssel, ist sicher auch dem Jacob zuzuordnen. Das soziale Umfeld blitzt nur bei einzelnen Geschenksvermerken auf, z. B. Dieses Buch ist mir von Mons. Wolff Heinrich von Brandenstein auß dem hause Zöschen bei Mönsberg verehrt worden. Zu Spandau den 31. 8er ao 1684. Daran schließt ein probates Rezept für ein Silberputzmittel der Madam Brandenstein an. Oder: Das Buch ward mir von Johann Conradt von Vohrburg des kön. Gerichts zu Scheyern beysitzer 20. 10bris 97 veröhrt . . .

Die Titel der Hollstein-Bibliothek zeigen die Interessenschwerpunkte des Besitzers eindeutig auf den Feldern der Mathematik, speziell in Richtung Geometrie, und der Fortifikations- und Artillerie-Literatur. Nur wenige historische und medizinische Texte sind zu finden, daneben auch religiöse Bücher.

Wie die Verbindung zwischen Hollstein und Herberstein zu Stande kam, bleibt vorerst im Dunklen. Die Bücher, die Herbersteins Besitzeintrag zeigen, sind zwischen 1528 – 1721 gestreut. Damit ist auch ziemlich klar, dass es sich nur um Johann Ferdinand II. handeln kann, nicht um seinen gleichnamigen Vater, der schon 1675 mit nur 35 Jahren starb, auch nicht um Johann Ferdinand (1605-1673) aus der Berhardinischen Linie, der Jesuit wurde und Rektor des Judenburger und danach des Grazer Jesuitenkollegs war.

Graf Johann Ferdinand II., (geboren 1663, gestorben in Graz 1721) gehört zur älteren Hauptlinie der Familie, war Sohn des Grafen Johann Ferdinand I. (1640-1675), trat 1672 dem Malteserorden bei, kämpfte unter dem Herzog von Lothringen und unter Prinz Eugen. Er zeichnete sich 1686 vor Ofen bei der Erstürmung der Palisaden aus, 1687 nahm er an der Belagerung des Schlosses Butschin zwischen Drau und Save teil und zwang die Janitscharen-Besatzung zur Übergabe, schenkte ihnen aber das Leben. Sowohl vor Ofen als auch vor Butschin wurde er schwer verwundet. 1697 war er an dem Einfall der Avantgarde des Prinzen Eugens in Bosnien beteiligt. Bis zu seinem Tode mit 58 Jahren stand er als Feldmarschall-Leutnant in militärischen Diensten, zuletzt als innerösterreichischer Hofkriegsrats-Vizepräsident. (Wurzbach, 8, 336). In seinen handschriftlichen Einträgen nennt er sich Baron und Malteserritter, das von ihm verwendete Exlibris erscheint sowohl mit leerer Kartusche wie auch mit allen seinen Titeln gefüllt: Joannes Ferdinandus Josephus S: R: J: Comes ab Herberstein, L: B: in Neuberg, & Guettenhaag, Dynastae in Loncowiz, & Nova Arce ad Dobram Haereditarius Camerarius, ac Dapifer Carinthiae. Ordinis S: Joannis Heyerosolymi Eques, & Commendator Gröbnicij, & Magno Tintij, Sac: Caes: Mayestatis Cammerarius, Consiliarius status, Aulae Mareschallus J: A:, & Generalis Excubiarium Praefectus.

In einer handschriftlichen Widmung in einem anderen Buch werden diese ebenfalls aufgezählt: Dem hochwürdigen Herrn Herrn Johann Ferdinand deß heiligen Röm. Reichs Grafen von Herberstein, Freiherrn auf Neuberg und Guttenhaag, Herrn auf Lanckowitz und Unterflädnitz, Erb-Cammerer und Erbtruchsassen in Cärnthen, S. Joannis Hierosolymitani Ordens-Ritter, Commendatori in Großlintz, Brünn, und Kralowitz, Röm. Kayserl. May. Cammerer J. O. Hoff-Kriegs-Rath, VicePresidenten, und General Wachtmeister, Ihro Excellentz, seinem . . . Herrn Brudern offeriert dieses zu einem beständig-aufrichtig und brüderlichen andenken Michael Fibiger Magister zu S. Mathiae in Breslau Auctor. sscr. Bresslau den 26. Junii 1705.

Herberstein hatte sicherlich gute Verwendung für die militärische Handbibliothek Hollsteins, wenn seine Interessenslage auch deutlich weitgespannter erscheint, als die des brandenburgischen Stadthauptmanns. Ein merkliches Interesse an der Zeitgeschichte und österreichischen Themen fällt auf, dazu kommen natürlich Bücher zum Malteserorden. Wahrscheinlich sind Herberstein auch die zahlreichen Libretti zuzuordnen, die zwar keinen Besitzeintrag von seiner Hand tragen, aber durch die Rückensignatur als Bestand der „Unbekannten Bibliothek“ ausgewiesen sind. Diese Libretti stammen aus den Jahren 1659 bis 1710, rund 130 an der Zahl. Es handelt sich zumeist um Texte zu Aufführungen des Wiener Hofes, einige wenige gehören zu Aufführungen in Graz, Linz oder Prag. Zeitlicher Schwerpunkt sind die siebziger und achtziger Jahre des 17. Jahrhunderts – auch im Türkenjahr 1683 gab es vier Aufführungen – die meisten Kompositionen (die Musik ist leider nicht abgeruckt) gehen auf Antonio Draghi, die beiden Schmelzer, Johann Heinrich und seinem Sohn Anton, und auf Giovanni Battista Perderzuoli zurück.

Dass die „Unbekannte Bibliothek“ identisch mit der Bibliothek des Johann Ferdinand Herberstein ist, lässt sich nicht eindeutig beweisen, ist aber ziemlich wahrscheinlich. Unbekannt ist, zu welchem Zeitpunkt diese Bibliothek an die Grazer Universitätsbibliothek gelangte, ob noch zur jesuitischen Zeit oder später. Unklar bleibt auch das Verhältnis zwischen den Büchern des Johannes Ferdinand und denen, die anderen Mitgliedern der Familie gehörten und nun im Bestand der Universitätsbibliothek Graz sind. Es handelt sich um rund 50 Bücher:

  • Herberstein, Sigismund, ein Buch aus dem Jahr 1515, das er 1527 an die Dominikaner Pettau schenkte
  • Herberstein, Annibale, ein Buch aus dem Jahr 1583
  • Herberstein, Christoph Moritz, ein Buch aus dem Jahr 1587
  • Herberstein, Vitus Sigismund, drei Bücher aus den Jahren 1605-06
  • Herberstein, Georg Sigismund, ein Buch aus dem Jahr 1658
  • Herberstein, Johann Ernestus, ein Buch aus dem Jahr 1716
  • Herberstein, Maria Johanna, ein Buch aus dem Jahr Buch 1678, das sie von Johannes Antonius Inzaghi 1685 als Geschenk bekam,
  • Herberstein, Johannes Seyfried, acht Bücher aus den Jahren 1686 – 1737
  • Herberstein, Maximilian Sigismundus, 27 Bücher aus den Jahren 1549 –1695
  • sowie drei weitere Bücher, die ein herbersteinisches Supralibros tragen, aber keiner bestimmten Person zugewiesen werden können.

Die Hollstein / Herberstein Bibliothek


 
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