Die Bibliothek des Paul Guldin

von Hans Zotter

Die 1585 gegründete Universität zog eine Reihe namhafter Gelehrter nach Graz, wie auch der Grazer Hof in dieser Zeit Anziehungspunkt für viele Künstler aus dem Ausland wurde. Das kulturelle Leben der Stadt war während des 16. Jahrhunderts und der ersten Hälfte des 17 Jahrhunderts durch die Auseinandersetzung zwischen Protestanten und Katholiken geprägt: etwa von der protestantischen Stiftsschule mit Lehrern wie Johannes Kepler und David Chytraeus auf der einen Seite, der Universität mit den jesuitischen Professoren auf der anderen. Dabei gab es durchaus persönliche Kontakte, gerade zwischen Kepler und Guldin, wie aus den Briefen belegt werden kann. Auch in den Buchbeständen der Universitätsbibliothek spiegeln sich die Auseinandersetzungen dieser Zeit wieder, die konfessionellen wie auch die wissenschaftlichen.

In einem kleinen Dorf in der Nähe von St. Gallen 1577 als Habakuk Guldin geboren, ergriff der spätere Gelehrte den Beruf eines Goldschmieds und war als solcher in verschiedenen Städten Deutschlands tätig, trat als zwanzigjähriger dem Jesuitenorden bei und nahm den Namen Paul an. Er wurde vom Orden in Rom als Mathematiker ausgebildet und unterrichtete dann dieses Fach auch in Rom, Graz und in Wien. Seine wenigen wissenschaftlichen Arbeiten befassten sich mit der gregorianischen Kalenderreform, mit der Bewegung der Erde und den Regeln zur Bestimmung von Fläche, Volumen und Schwerpunkt von Rotationskörpern. Diese Regeln sind bis heute unter seinem Namen als Guldinsche Regeln bekannt.

Seltsamerweise sind aber diese Schriften in der umfangreichen Bibliothek Guldins, die bis heute unter den Beständen der Universitätsbibliothek aufbewahrt wird, nicht vorhanden. Nur das Werk über die Schwerpunktbestimmung, in zwei umfangreichen Bänden in Wien 1635 und 1640 gedruckt, hat seinen Weg in die Universitätsbibliothek gefunden - auf einem Umweg. Guldin ließ nämlich ein Exemplar in Graz geschmackvoll binden und schenkte es dem Rektor der Universität, dem Jesuiten Zacharias Trinkel. Eine eigenhändige Widmung Guldins im zweiten Band belegt die Schenkung. Trinkel interessierte sich als Philosoph und Theologe vermutlich nicht allzu sehr für das Thema und schenkte die Bände der Bibliothek, wie sich aus den Einträgen der Bibliothekare nachvollziehen lässt.

Guldin durfte, was innerhalb des Ordens ungewöhnlich war, eine eigene mathematisch / ­naturwissenschaftliche Bibliothek aufbauen. Die Auswahl, die er traf, dokumentiert die Streuung seiner Interessen, aber auch seine Verbindungen mit der gelehrten Welt seiner Zeit, die weit über den jesuitischen Rahmen hinausging. Auch seine an der Universitätsbibliothek erhaltenen Briefe belegen das.

Guldins Bibliothek umfasst in der derzeitigen Form an die 300 Titel, davon etwa 130 aus dem 16. Jahrhundert, der größere Rest aus den ersten Jahrzehnten des 17. Jahrhunderts bis zu seinem Tod 1643.

Die meisten Bücher zeigen keine anderen Eigentumsvermerke als die Guldins und der Jesuiten, was wohl so viel bedeutet, dass Guldin tatsächlich in den meisten Fällen der Erstbesitzer war. Das kann als Indiz für einen planmäßigen Bestandsaufbau gewertet werden. Nur wenige Bände machen den Eindruck von Geschenken, etwa die Bücher, die der Hofhistoriograph Johannes Sambucus aus Italien mitgebracht hatte, und die er großzügig verschenkte, darunter eine prächtige Bibelhandschrift an den Erzherzog Ferdinand, die dieser gleich an die Jesuiten weiterschenkte. In der Guldinbibliothek finden sich fünf Bände mit Sambucus’ zügiger Unterschrift, die Arithmetik des Oronce Finé und die sogenannten Alphonsinischen Tafeln. Ein drittes Stück befasste sich mit einem der speziellen Arbeitsbereiche Guldins: Commendinis Schrift über die Schwerkraft. Diesem Titel war noch eine weitere Abhandlung Commendinis beigefügt, die sich mit Wasserhebewerken auseinandersetzt, wie auch die eine weitere Beibindung, in der Guiseppe Ceredi die seit der Antike bekannten Archimedischen Schrauben beschreibt.

Von seinem Grazer Kollegen im Professorenkollegium Christoph Scheiner bekam er dessen monumentales Werk Rosa Ursina vel sol, einen Folianten von ca. 800 Seiten, in dem sich der gelehrte Verfasser mit dem Phänomen der Sonnenflecken auseinander setzte. Scheiner widmete sein opus magnus dem Grafen Paolo Giordano Orsini, was die Drucklegung in Bracciano - dort befindet sich das Stammschloss der Orsinis - erklärt. Scheiner gilt auch als Erfinder des Pantographen, dessen Gebrauch er in einem eigenen Buch erklärte, das ebenfalls in die Guldinbibliothek gelangte.

Über die Entdeckung der Sonnenflecken kam es zu einem Prioritätsstreit zwischen Scheiner und Galilei, was Scheiners Position als Gutachter im Prozess gegen den Gelehrten sicherlich beeinflusste. Die Galileischen Schriften befanden sich selbstverständlich auch in der Guldinschen Bibliothek. Als erstes der Sidereus nuncius von 1610, der Sternenbote, die bahnbrechende Abhandlung über die durch den erstmaligen Einsatz eines Fernrohres entdeckten Jupitermonde; aber auch den Dialogo von 1632, der eine Auseinandersetzung mit dem kopernikanischen Weltbild beinhaltet, zusammengebunden mit dem ablehnenden Gutachten des Jesuiten Inchofer, das die Grundlage für die spätere Verurteilung Galileis darstellte.

Auch der Jesuitenzögling und spätere Bischof von Osnabrück, Regensburg, Minden und Verden, Franz Wilhelm von Wartenberg, scheint dreimal unter den Vorbesitzern auf - wie diese Bücher an Guldin kamen, ist derzeit nicht recht ersichtlich. Eines berichtet über eine neue Art Visiertisch für Vermessungsaufgaben, das zweite ist Zoncas prächtiges Kupferstichwerk über die neuen gewerblichen Maschinen, Druckerpressen, Spinnmaschinen, Hebevorrichtungen, Pumpen etc. Guldins Interesse an Mechanik war augenscheinlich groß, denn er besaß eine ganze Reihe von Büchern zu diesem Thema, auch solche über Militärtechnik, Festungsbau, Artillerie und Pyrotechnik. Architektur interessierte ihn auch im zivilen Bereich, dafür sprechen die Bücher von Furttenbach, Vignola und Serlio.

Der Bestand der Guldinschen Bibliothek lässt sich nicht exakt bestimmen; die in Frage kommenden Bücher weisen vier oder mehr Signaturen aus der Zeit auf – und sie sind die einzigen Anhaltspunkte, da die jesuitischen Kataloge leider alle verlorengegangen sind.

Als älteste Signaturschicht können die Einträge gelten, die aus einem kleinen Gamma und einer laufenden Zahl bestehen. Möglicherweise stammen sie von Guldin selbst. In der Regel stehen diese Einträge in der linken unteren Ecke des Titelblattes und sind in etwas mehr als 90 Bänden nachweisbar. Da Guldin viele Texte zusammenbinden ließ, sind rund die Hälfte des Bestandes so gekennzeichnet.

Einer zweiten Signaturphase scheinen die kleinen arabischen Zahlen anzugehören, die meist in der linken oberen Ecke des Titelblattes anzutreffen sind. Bisweilen sind sie auch von den Initialen P. G. begleitet. Diese Zahlen sind oft getilgt und/oder mit anderen Zählungen überschrieben. Eine Korrelierung zu den Gamma-Nummern scheint nicht zu bestehen. Wohl aber entsprechen die kleinen Zahlen meist der Zählung auf den Rückensignaturen. Diese sind sehr markant, mit den Initialen P. G. beginnend, und sind als Schilder am unteren Ende des Rückens aufgeklebt, manchmal auch nur einfach auf den Einband geschrieben.

Diese Schilder waren natürlich immer gefährdet: durch achtlosen Umgang litten vor allem der Rücken der Einbände und alle dort lokalisierten bibliothekarischen Informationen; auch wurden in den vergangenen Jahrhunderten viele Einbände erneuert und damit gingen etwaige Rückenschilder verloren.

Aber auch die erhaltenen Signaturschilder werfen Probleme auf: mindestens drei Bücher wurden erst nach dem Tode Guldins angeschafft, tragen aber ein Guldin-Etikett. Man muss deswegen wohl annehmen, dass es sich hier um das Wirken eines jesuitischen Bibliothekars handelt, der den Guldinbestand mitbetreute. Dieser Bestand ist also durchaus getrennt von den anderen mathematischen Büchern im Besitz der Jesuiten zu sehen. Nach dem Tode Guldins blieb diese Separierung noch einige Zeit aufrecht, aber schon während des 17. Jahrhunderts wanderten einzelne Bücher nach und nach in den allgemeinen jesuitischen Bestand, endgültig mit der Einrichtung einer eigenen Bibliotheca mathematica 1739. Von diesen Vorgängen gibt die vierte Signaturenschicht auf den Titelblättern Auskunft.

Man muss daher annehmen, dass nicht alle Bücher, die ehemals in Guldins Besitz waren, noch als solche erkennbar sind. Manches lässt sich vielleicht noch rekonstruieren: Guldin besaß eine deutliche Vorliebe für preiswerte Makulatureinbände. Möglicherweise führen die abgelösten Handschriftenfragmente zu weiteren zuschreibbaren Titeln.

In der Grazer Universitätsbibliothek flossen seit ihrem Bestehen aus verschiedenen Quellen mathematische Bestände zusammen: auf Guldins Sammlung basierend, bauten die jesuitischen Bibliothekare die Bibliotheca mathematica des 18. Jahrhunderts auf; private Sammlungen wie die umfangreiche Hollstein-Herbersteinsche Sammlung kamen hinzu.

Nach dem Ende der Jesuitenuniversität und der Rückstufung zu einem Lyzeum kamen durch die Säkularisierung aus den aufgehobenen Kärntner und steirischen Klöstern große Bücherbestände – darunter wiederum überraschend viele mathematische Schriften, besonders aus St. Lambrecht. Diese für die steirische Wissenschaftsgeschichte bedeutsamen mathematischen (oder besser astronomischen / physikalischen / mathematischen / geodätischen usw.) Bücher in ihrem sammlungshistorischen Zusammenhang zu zeigen bleibt als Desiderat für die Zukunft.

Paul Guldin

Paul Guldins Unterschrift


 
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